Andreas Heck

Andreas Heck

Selbständiger Webdesigner

Haul-Videos als neuer Hype der Fashion Victims

Der aktuelle Aufreger: Dass die junge Generation Party-süchtig ist, ständig nach neuen Formen des Fun lechzt und sich dabei hipp vielerlei sozial vernetzt, anstatt sich im wirklichen Leben echt zu treffen, und dem Irrglauben, nein, dem Wahn unterlegen ist, ein jeder könne ein Star werden, ist das eine.

Das andere wäre, dass man lange in der Geschichte der Menschheit rückwärts suchen müsste, bis man wieder auf solch eine apolitische Generation träfe. Vielleicht zu Zeiten des antiken Roms? Gut, es gibt sie noch, die jungen Protestierer, Revoluzzer und Utopisten. Aber die sind heutzutage dermaßen individualisiert und damit ohne die Power der Massenbewegung ausgestattet, dass sie kaum noch zur Schlagzeile genügen oder aber nur dann, wenn sie blank ziehen und ihre gerade der Pubertät entwachsenen Brüste in willfährige Kameras halten.

Auch Occupy, Attac oder andere Bewegungen ändern daran leider nicht viel. Zumal, wenn man genauer hinsieht, dort selten junge Menschen wirklich voran rennen, um einen Beitrag zur positiven Veränderung der Gesellschaft leisten. Meist rennen sie nur in die Jahre gekommenen Alt-Linken hinterher.

Übrigens, bevor es heißt, hier zöge ein oller Kauz altbewährt über „die Jungen“ her: Daran, dass es in den Industrienationen kaum noch wirkliche Protestbewegungen gibt, dass sich kaum noch irgendwer über irgendwas in einem öffentlichen Raum aufregt, ist meine Generation Schuld. Vor uns die 68er Studentenbewegung, nach uns die Sintflut.

»Haul-eluja, zefix, sog‘ i, wos fir a Kockwurschd!«

Doch bei allem Verständnis für die Freiheiten der Jugend werde ich diesem auf der Stelle verlustig, wenn ich fassungslos auf den neuesten Trend der Hipster blicke: Haul-Videos. Dabei handelt es sich um YouTube zumüllende Videos meist weiblicher, meist im englischen Sprachraum lebender und nahezu nie mit ausreichend Hirn ausgestatteter Early Adopters. Denen fällt nichts besseres ein, als Dauer-Shopping zu betreiben und dann die erlegten Mode-Produkte Trophäen gleich in besagten Videos, die die Welt nun wirklich nicht braucht, fröhlich zu präsentieren. Fröhlich deshalb, weil für die gerade der Akne und den diversen Hormonschüben entflohenen Youngsters Geiz eben doch geil ist, nein, geil macht!

Woher die möglichst billigen und beliebig austauschbaren Waren stammen, die man sich da für wenig Geld aneignet und voll Besitzerstolz, die eigene mickrige Existenz damit aufwertend, in eine Videokamera hält, interessiert keinen echten Hauler. Dass für das Schnäppchen-Shirt anderswo in der Welt Menschen ausgebeutet werden, durch Umweltgifte erkranken oder gar sterben, ist auf dem Preisschild nicht ablesbar. Es berührt nicht. Weshalb auch? Würde man sich darüber Gedanken machen, anstatt sich weiterhin geschützt zu fühlen durch die Abstraktion zwischen dem in schicken Einkaufswelten zu erwerbendem Produkt und den menschenverachtenden Zuständen an den Produktionsstätten, könnte man nicht weiter so ignorant und dumm vor sich hin konsumieren. Dann hätte man nichts, um es in YouTube glücklich zu präsentieren und der Celebrity-Faktor wäre gänzlich dahin. Ganz zu schweigen vom Traum davon, auch einmal ein Star zu sein.

Brauchen wir (noch) soziale Netze, wenn deren Hauptnutzer asozial sind und um dieses Nicht-Sozial-Sein auch noch einen Hype veranstalten?

6 Kommentare

  1. Andreas Heck

    Ich könnte die Menge an Drogen gar nicht bezahlen, die ich täglich benötigen würde, um immer und bei allem wegzuschauen. In mir haust ein moralinsaurer Besserwisser, der wurde schon mit erhobenem Zeigefinger geboren. Ich könnte ihm diesen abschneiden. Allein, es bliebe ein Phantomschmerz! Für ihn ist Dummheit schlicht und ergreifend nicht zu ertragen. Die Dummheit des sturen „ich bin, wer ich bin“ oder auch „ich tue, was ich tuen möchte“. Sehr gerne auch: „Ich bleibe der, der ich immer war.“ Nein, das ist nicht zu ertragen und wegschauend zu ignorieren.
    (In Sachen der Mathematik kann ich Dir nicht helfen, da scheinst Du mir eigentlich weit mehr talentiert denn ich :-D)

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    1. Boodo

      Die Kommentierung von Nichtigkeiten ist selbst Nichtigkeit.

      Es passieren doch viele wichtige Dinge. Schau da hin.

      Erzähl uns etwas über geschlossene Krankenhäuser und die verdoppelte Säuglingssterblichkeit in Griechenland.

      Oder über westliche Strippenzieher (und zukünftige Finanziers) bei der „Befreiung“ der Ukraine.

      Oder über die Reaktion der EU darauf, dass die Schweizer die Zuwanderung regeln wollen, was die EU schlimm findet aber selbst an ihren Grenzen schon vor Jahren gemacht hat.

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      1. Andreas Heck

        Ich kann doch nicht über alles schreiben, was nur irgendwie in mein Blickfeld gerät und ein Nachdenken bei mir auslöst. Das wäre gar nicht zu machen. Da käme auch gar nichts dabei heraus. Und es wäre auch schade um die wichtigen Themen, würde ich sie sarkastisch in einer Glosse wie der „Kackwurst“ verarbeiten. Da müsste schon ein Leitartikel her, und die überlasse ich lieber den Journalisten.
        Das Darstellen von Nichtigkeiten geschieht ja auch nicht als reiner Selbstzweck. Sondern es steht in einem Kontext und ist somit ein Teil einer Kritik am ganzen Dilemma unserer Tage. Es ist ein Indiz für unsere Welt, in der sich keiner mehr aufregt, in der alles beliebig geworden ist und dennoch zur Schlagzeile taugt.

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        1. Boodo

          Die Journalisten in Deutschland schreiben nicht über unbequeme Wahrheiten sondern sind auf Linie getrimmt. Zumindest in den großen Medien.

          Ich habe ja nichts gegen das sich aufregen. Aber das 95% des Web-Contents für den Mülleimer produziert werden ist nicht aufregend. Das war auch vor dem Internet so: 99% der Menschen tun in 99% ihrer Zeit belangloses (auch ich!). Nur hat man das früher nicht erfahren 😉

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          1. Andreas Heck

            Daran ist etwas Wahres! Aber ich mag mich täuschen, jedoch habe ich den Eindruck als würde die Menge an Belanglosem mit der Menge an Angebotenem steigen. Heißt: Je mehr Möglichkeiten der Einzelne findet, sich zu beschäftigen, umso mehr taucht er ins Seichte ab und frönt der Banalität. Vielleicht war das aber wirklich schon immer so, es wurde nur nicht in solchem Maße thematisiert.
            Und eben: Hätte ich an dem Tage vor dem Artikel nicht „zufällig“ in einem belanglosen Bericht des ZDF Morgenmagazins von dem noch weit belangloseren Trend der „Fashion Haul Videos“ Wind bekommen, hätte ich mich nicht aufregen müssen und hätte diesen Artikel wohl nie verfasst.
            Fahrradkette!

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